JanssensVor Altersarmut schützen in Holland die umlagefinanzierte Grundrente und kapitalgedeckte Pensionsfonds. „Das Risiko der Altersarmut ist in Deutschland viel höher als in den Niederlanden“, weiß Lennart Janssens, im holländischen Arbeits- und Sozialministerium zuständig für Fragen der Rentenversicherung.
Woran das liegt? „An den zwei Säulen.

Diese Säulen, die unser System vor allem tragen: die staatliche Rente und die Pensionsfonds“. Die dritte Säule hingegen falle kaum ins Gewicht: Obwohl die Privatrente steuerlich gefördert werde, erreiche sie nicht einmal zehn Prozent des gesamten Rentenaufkommens.

Wer in den Niederlanden wohne und mindestens 15 Jahre alt sei, erwerbe für jedes Jahr Residenzzeit zwei Prozent des Anspruchs auf die staatliche Rente. Der Höchstsatz dieser im Umlageverfahren aus den Beiträgen der Beschäftigten finanzierten Grundrente werde erreicht nach fünfzig Jahren – also frühestens mit 65 – und betrage derzeit 1.040 Euro für eine Einzelperson und 1.300 bis 1.400 Euro für Paare.

Hinzu komme für ehemals Beschäftigte meist eine Betriebsrente aus einem der rund vierhundert Pensionsfonds im Lande. „Viele von ihnen gibt es schon seit Mitte des letzten Jahrhunderts“, merkt Janssens stolz an, „mit steuerlichen Anreizen werden sie gefördert.“ Drei Viertel dieser tarifvertraglichen Regelungen gälten jeweils für eine ganze Branche, rund zehn Prozent in einzelnen Unternehmen wie Shell oder Philips.

Wo ein Pensionsfonds abgeschlossen ist, müssen alle Arbeitnehmer/innen der Branche oder des Betriebs sich daran beteiligen. Dazu werden die zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern vereinbarten Tarifverträge jeweils für allgemeinverbindlich erklärt. Bei einem Wechsel des Arbeitgebers muss der neue Pensionsfonds die Ansprüche aus dem vorherigen anerkennen.

Zusammen mit der staatlichen Rente soll diese zweite Säule der Alterssicherung nach dem Erwerbsleben ein Einkommen von 70 Prozent des jeweils individuell berechneten Durchschnittsgehalts gewährleisten. So kommen Verheiratete im Alter im Durchschnitt auf fast 3.000 Euro pro Monat.

Thalen und BitterDie Pensionsfonds funktionieren nach dem Grundsatz der Kapitaldeckung. „Mit dem Geld unserer Versicherten verdienen wir Geld, damit wir ihnen später gute Renten zahlen können“, erklärt Wouter Thalen dieses Prinzip. Er arbeitet hauptamtlich im Vorstandsbüro von „Zorg & Welzijn“ (PFZW), dem 1969 gegründeten Pensionsfonds für den Gesundheitssektor, dem rund 22.000 Arbeitgeber, etwa 1,2 Millionen Beschäftigte und noch einmal so viele Rentner/innen angehören.

Ende 2013 habe das Vermögen des Fonds 137,3 Milliarden Euro betragen. Damit übersteige der Besitz die Verpflichtungen des Fonds um neun Prozent. Sänke dieser Abstand unter die gesetzlich vorgeschriebenen fünf Prozent, müssten die Beiträge erhöht und/oder die Rentenansprüche gesenkt werden.

Als der holländische Automobilhersteller DAF im Jahre 1993 Konkurs anmelden musste, brach auch dessen Pensionsfonds zusammen. Aus diesem Desaster wurde der Schluss gezogen, die Vermögen von Arbeitgeber und jeweils zugehörigem Fonds fortan strikt zu trennen. „Wenn das Unternehmen umfällt, ist der Pensionsfonds noch da“, erläutert PFZW-Mitarbeiterin Karin Bitter diese strategische Wende.

Zwar schützen die Pensionsfonds ihre Mitglieder relativ gut vor den Risiken des demografischen Wandels, doch reagieren sie empfindlich auf die Gefahren der Geldentwertung. Um das Fondsvermögen zu mehren, wird daher weltweit investiert – zum Beispiel in Aktien oder indexorientierte Fonds. „Würden wir nur aufs Sparbuch setzen“, so Wouter Thalen, „hätten wir einen Deckungsgrad von nur 41 Prozent.“

Barnhoorn und DriessenFür die Anlagen des Fonds gälten „strikte Regularien und Kontrollen“ unter Aufsicht der Niederländischen Zentralbank DNB. Die Produkte dürften „nicht zu komplex sein, und der Vorstand muss sie verstehen“. Zudem müssten die Investitionen bestimmten Ansprüchen genügen, dürften zum Beispiel nicht dazu beitragen, dass die Umwelt belastet, die Gesundheit gefährdet, Lebensmittel verknappt, Atomwaffen oder Streubomben hergestellt würden. Thalen fordert: „Eine gute Rente muss verantwortungsvoll erzielt werden in einer Welt, in der man gerne lebt!“

Diese Anlagestrategie, die auch einen fairen Umgang der Unternehmen mit ihren Beschäftigten verlange, sei den Gewerkschaften und Arbeitnehmervertreter/innen in den paritätisch besetzten Vorständen der Pensionsfonds zu verdanken, betont Rob Barnhoorn von Abvakabo, der niederländischen Gewerkschaft für den öffentlichen Dienst.

Sein Kollege Chris Driessen vom gewerkschaftlichen Dachverband FNV sieht allerdings auch einige Schattenseiten des Systems. So gebe es in den Niederlanden fast eine Million „Selbständige ohne Personal“, die nicht beteiligt seien an den Pensionsfonds und daher auch keine Betriebsrente erhielten. „Wir fordern, dass alle einzahlen müssen.“

Anders als im Jahre 2007, als der Deckungsgrad der Pensionsfonds noch bei 140 Prozent gelegen habe, wüchsen „die Bäume heute nicht mehr in den Himmel“. Drei Gründe sieht Chris Driessen dafür:

  • Erstens sei die Lebenserwartung viel schneller gestiegen als erwartet, deshalb seien die Verpflichtungen der Fonds um 15 Prozent gewachsen.

  • Zweitens hätten die um zwei Prozentpunkte gesunkenen Zinsen den Deckungsgrad um 30 Prozent verringert.

  • Drittens hätten auch die Aktienkurse zwischendurch nachgegeben.

KerschbaumerFolglich mussten die Beiträge erhöht werden, von denen der Arbeitgeber meist zwei Drittel bezahlt. Allerdings gebe es Schmerzgrenzen: „Unsere Mitglieder arbeiten einen Tag in der Woche für die Betriebsrente, aber sie wollen nicht zwei Tage dafür arbeiten. Und sie wollen auch nicht sechs Tage pro Woche arbeiten.“ Zudem sinke die Bereitschaft der Jüngeren, mit ihren Beiträgen die Renten der Älteren zu finanzieren – und „eine Generationendiskussion ist nicht gut für die Gewerkschaft“. Es gehe daher nun vor allem darum, „das System zukunftsfähig zu machen“.

Ein System, dem Judith Kerschbaumer aus deutscher Sicht „einigen Charme“ abgewinnen kann. Die Leiterin des ver.di-Bereichs Sozialpolitik nutzte einen vom verdi-Bundestarifausschuss, dem Unterstützungs- und Vorsorgewerk für den Dienstleistungsbereich (u.di) und der Deutschen Botschaft in den Niederlanden organisierten Besuch am 27./28. Mai 2014 in Den Haag und Amsterdam, um die dortigen Fachleute über die Details und Tücken der von der Großen Koalition geplanten Rentenreform zu informieren. Sei das Paket mit der „Mütterrente“ und der abschlagsfreien Rente mit 63 für langjährig Versicherte erst einmal verabschiedet, so werde es sicher auch in Deutschland verstärkt um die Zukunft der Betriebsrenten und um Fragen des fließenden Übergangs vom Erwerbsleben in die Rente gehen.

Von Hermann Schmid